Geschichte

Grenzgänger zwischen Mittelalter und Moderne

Mittelalterliche Musik ist dem regelmäßigen Marktbesucher allgegenwärtig. Die durchschnittliche Klassikabteilung eines CD-Ladens nennt zumindest immer einige Fächer mit der Aufschrift „Alte Musik“ ihr Eigen. Und auch in die offiziellen Charts hat das Mittelalter in der Interpretation von Bands wie In Extremo und Schandmaul inzwischen Einzug gehalten. Kurz: das kleine Genre „Mittelaltermusik“ – oder besser „Musik mit mittelalterlichen Elementen“, denn im wissenschaftlichen Sinne authentisch ist wohl nur wenig – ist nicht nur so vielschichtig wie kaum eine andere Musiksparte, sondern erfreut sich zudem wachsendem Interesse.

 

Umso erstaunlicher, dass eine CD-Compilation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, einen möglichst objektiven Überblick über das gesamte Spektrum mittelalterlich inspirierter Musik zu bieten, lange Zeit auf sich warten ließ. 1996 in der ersten Folge erschienen, war auch die Compilationreihe Miroque zuerst lediglich auf die Schnittmenge zwischen Mittelalter und Gothic ausgerichtet. Den Gothic-Bands und ihren Labeln gefiel die Idee, zusammen mit Spielleuten und Ensembles auf eine CD zu wandern. Die Reaktionen aus den mittelalterlichen Reihen waren dagegen gemischt. Manche Verleger und Künstler reagierten misstrauisch, andere Künstler wie Corvus Corax oder Sarband hatten weniger Berührungsängste und freuten sich über das rege Interesse. Der Verkaufserfolg von Volume 1 lachte den Zweiflern schließlich ins Gesicht.

 

Es folgten mittlerweile 15 weitere Miroque CDs, deren musikalischer Horizont sich mehr und mehr erweiterte. So fanden über die Jahre nicht nur große Namen wie Qntal, In Extremo, Corvus Corax, Wojciech Kilar oder Blackmore’s Night Eingang in die Tracklists, auch damalige Newcomer wie Wolfenmond, Die Irrlichter oder Saltatio Mortis wurden so erstmals einem breiteren Publikum näher gebracht. Ernsthafte Ensembles Alter Musik konnte man ebenso stets auf den inzwischen 16 regelmäßigen Miroque-Folgen finden wie Musiker und Gruppen, denen man sonst hauptsächlich auf Märkten begegnete und die oftmals mit eigenen CDs im „normalen“ Handel nicht einmal erhältlich waren.

 

Mit den „Mittelalterlichen Weihnachtsklängen“ lag im Dezember 2004 erstmals eine Sonder-Edition von Miroque unterm Weihnachtsbaum, die mittelalterliche Weihnachtslieder von größtenteils authentischen Ensembles vereinigte. Auch diese Reihe wurde inzwischen auf mittlerweile 5 Folgen erweitert: zwei CDs widmen sich dem „Romantischen Mittelalter“, die CD „In Taberna“ versammelt mittelalterliche Trinklieder und auf „Marktmusik“ kommen die Fans purer Dudelsack- und Schlagwerkmusik vollkommen auf ihre Kosten. Als nächste Folge ist hier für den Spätsommer 2010 eine CD mit mittelalterlichen Tänzen geplant.

 

Das Jahr 2004 war für Miroque insofern ein besonderes Jahr, als das die CD-Reihe erstmals auch als Musikfestival erlebbar gemacht wurde. Das erste von insgesamt fünf Festivals fand am 8. Februar im Duisburger Eventschloss „Pulp“ statt mit Cornix Maledictum, Cultus Ferox und Schelmish, letztere wurden zur Freude der Fans noch von dem „Letzten Einhorn“ und „Flex, dem Biegsamen“ (beide In Extremo) verstärkt. Das zweite Miroque Festival, dieses Mal auf Burg Rabenstein in Franken folgte einem anderen Konzept unter Regie des Concertbüro Franken: im Anschluss an Nordbayerns größten Mittelaltermarkt spielten an drei Tagen jeweils zwei Bands. Den Auftakt bildeten Die Irrlichter und Schandmaul (10.06.), gefolgt von Geyers Historock und Corvus Corax (11.06.) sowie Wolfenmond und Saltatio Mortis (12.06.).

Den Höhepunkt der drei Festivals bildete das Miroque Open Air am 11. September 2004 auf Burg Pyrmont (an der Mosel, zwischen Koblenz und Trier gelegen). Bereits am Vortag reisten die ersten Gäste an, um auf dem wildromantischen Gelände am Fuße der Burg zu campieren. Auf dem Burghof sorgte ein kleiner Markt für das passende Ambiente, und in den Festival-Pausen unterhielt das Renaissance-Ensemble Pantagruel im Fuderkeller die Zuschauer, während sich auf der großen Bühne Die Irrlichter, Faun, Saltatio Mortis, Corvus Corax und Schelmish ein Stelldichein gaben. Im Anschluss an das Festival wurde noch bis in die Morgenstunden in der Burg-Gasterey zur „mittelalterlichen Tanznacht“ gefeiert.

Die Ereignisse auf Burg Rabenstein und Burg Pyrmont wurden von einem Filmteam begleitet, und aus diesen Aufnahmen entstand im März 2005 die Miroque DVD, die neben Konzertmitschnitten, Impressionen, Interviews und Discografien auch ein Special über Instrumentenbau enthält, in dem sich Wim/Corvus Corax und Dudelsack-Experte Jens Güntzel über die Schulter schauen lassen.

Festival Nummer fünf und sechs fanden 2008 und 2009 auf dem Gelände des Histotainment Parks Adventon bei Würzburg statt, das letzte fand in der Aufführung des Mega-Spektakels Cantus Buranus von Corvus Corax unter der Beteiligung einer Opernsängerin, eines ausgewachsenen Symphonieorchesters sowie eines Chors seinen spektakulären Höhe- und bis auf weiteres auch seinen Schlusspunkt. Leider waren die Produktionskosten der letzten Festivals so hoch, dass bis auf weiteres leider keine Fortsetzung geplant ist.

 

Neben zahlreichen Mittelaltermärkten und anderen Veranstaltungen, auf denen das Miroque-Team ein umfangreiches Sortiment mittelalterlicher Musik feilbietet, ist das Miroque-Spektrum seit Anfang 2010 um einen weiteren Aspekt reicher: Mit dem Untertitel „Lebendige Geschichte“ erschien im April die erste Ausgabe des Miroque Magazins. Alle drei Monate ist nun eine Alternative zu den bisherigen Mittelaltermagazinen im Handel, die neben einem historischen Titelthema eine große Vielfalt an Themen behandelt, die die Szene bewegen: Musik, Kino, Spiele, Ausstellungen, historische Reise-Tipps und ein großer Aktiv-Teil mit Kochrezepten, Bauanleitungen, Schnittmustern, Noten und vielem mehr machen die neue Zeitschrift aus.

 

Und das beste: die Ideen gehen uns noch immer nicht aus! In diesem Sinne bleibt vorerst nur zu sagen: Fortsetzung folgt …