VIII. Festival Mediaval – Eine Nachlese

02.10.2015

10. - 13.09.2015 – Selb, Goldberg

Obwohl das Mediaval bereits von Beginn an mit Fug und Recht als Europas größtes Mittelaltermusikfestival gelten konnte, hört die Veranstaltung nicht auf zu wachsen. Das gilt nicht nur für die Zahl der Gäste, sondern auch und vor allem für das reichhaltige Programmangebot. Kam im letzten Jahr das Raubvogellager und das Piratenfloß in der „Goldbergbucht“ dazu, schwammen in diesem Jahr zusätzlich zwei waschechte Wikingerschiffe auf dem kleinen See. Das außerhalb des eigentlichen Festivalgeländes gelegene und deshalb auch ohne Eintrittskarte begehbare Areal und die dortigen Konzerte und Vorführungen wurden vor allem von der einheimischen Bevölkerung wieder gut angenommen, wobei die Fahrten mit den Drachenbooten oder das regelmäßige Abfeuern der Kanone „Betty Booooom“ vor allem die jüngeren Besucher begeisterten.

 

Wichtigste Neuerung 2015 war jedoch, dass das Festival diesmal schon am Donnerstag startete, und zwar mit einem Akustikkonzert der Capella Antiqua Bambergensis in der unweit des Goldbergs gelegenen Christuskirche. Launig moderiert von Band-Senior Prof. Dr. Wolfgang Spindler nahm die Band die Anwesenden mit auf eine unterhaltsame wie lehrreiche musikalische Reise durch die Zeit der Kreuzzüge.

 

Das eigentliche Programm begann dann wie gewohnt am Freitag Nachmittag mit der großen Prozession der Kleinkünstler und Lagergruppen über das Marktgelände. Bei der offiziellen Eröffnung durch Festivalchef Bläcky und den Selber Oberbürgermeister Ulrich Pötzsch wurde nicht nur das ebenfalls gewachsene Orga-Team vorgestellt, sondern es zeigte sich auch, dass das Festival Mediaval trotz allen Spaßes und trotz Realitätsflucht keine Veranstaltung weltfremder, rückwärts gewandter Phantasten ist, sondern auch bei ganz aktuellen Problemen nicht abseits steht. Da das dem Gelände direkt gegenüber liegende ehemalige Parkhotel seit einiger Zeit als Flüchtlingsunterkunft dient, hatten die Organisatoren beschlossen, den dortigen Bewohnern für den Samstag freien Eintritt zu gewähren. Hauptsponsor Naseweis sorgte obendrein für die kostenlosen Getränke. Ein wirklich feiner Zug, der mit einem ebenso feinen beantwortet wurde: Die Flüchtlinge bedankten sich für die Einladung, indem sie in den Wochen vor dem Festival eine etwa 15 Mann starke Abordnung auf den Goldberg schickten, die dem Team sehr engagiert beim Aufbau half. Ein wunderbares Beispiel wie das Miteinander funktionieren kann, wenn man offen aufeinander zugeht.

 

Poeta Magica

 

Den musikalischen Auftakt machte die englisch-niederländische Band Pyrates, die das am Freitag noch gewohnt überschaubare Publikum mit rockigen Sea-Shanties auf das Wochenende einstimmte. Ruhiger, dafür musikalisch hochklassig ging es dann auf der Burgbühne mit Ashley Davis weiter. Die amerikanische Sängerin und Songwriterin eröffnete zusammen mit dem irischen Harfenisten Cormac de Barra das diesjährige „Celtic Special“. Keltisch-nordische Klänge gab es dann mit Poeta Magica, die sich, ähnlich wie beim Edda-Konzert vor zwei beziehungsweise vier Jahren, Gastmusiker mitgebracht hatten. Neben Jonny Robels beeindruckte vor allem die bretonische Musikerin Alicia Ducout an der Harfe, die sie zum Teil beinahe im Stil einer Rock-Gitarre spielte. Rockig war auch die Performance von Skerryvore, die mit ihrer Musik ein wenig an die Kollegen von Runrig erinnerten. Das keltische Sahnestückchen am Freitag war dann aber der Auftritt von Moya Brennan. Die Sängerin der legendären Gruppe Clannad bot eine reduzierte aber um so intensivere Show, die definitiv nicht nur wegen der inzwischen doch recht „selbirischen“ Temperaturen für Gänsehaut sorgte. Sehr zur Freude der Fans schlichen sich auch ein paar Clannad-Klassiker in die Setlist. Ein mehr als würdiger Höhepunkt für den ersten Tag.

 

War das Programm am Freitag noch halbwegs übersichtlich, hatte man am Samstag definitiv keine Chance mehr, all das zu sehen, was man sehen wollte. Den Anfang machten die Konzerte für den in diesem Jahr hochklassig besetzen Nachwuchs-Award in der Sparte „Mittelalter-Rock“, die in diesem Jahr so viele Zuschauer wie noch nie zu früher Stunde vor die Theaterbühne lockten. Mythemia und die Kilkenny Knights (die den goldenen Zwerg am Abend dann in Empfang nehmen durften) sorgten dann auch für beste Stimmung, lediglich Fiolka blieben ein wenig hinter den Erwartungen zurück, hatten aber auch mit technischen Problemen zu kämpfen.

Parallel dazu gab es dann bereits Programm auf den Hauptbühnen und auf dem Markt. Besonders die spanische Paganfolk-Band Cuélebre konnte mit ihrem sympathischen Auftritt eine Menge Fans für sich gewinnen.

 

Erster Samstags-Höhepunkt war der Auftritt von PurPur. Die beiden Schwestern gehören ja schon seit Jahren zur Stammbesetzung beim Mediaval und diesmal wagten sie sich erstmal auf die ganz große Bühne. Entsprechend gerührt zeigten sich Judith und Christine über die vielen Zuschauer, die es sich auf der Wiese vor der Schlossbühne in der Sonne gemütlich gemacht hatten. Die Anwesenden waren dann auch einmal mehr verzaubert vom zweistimmigen Gesang des Duos und sangen Lieder wie „Wolfskind“ textsicher mit. Zeitweilige Unterstützung erhielten PurPur von Sarah und Michael aka Saitenweise, mit denen sie jüngst unter dem Namen „Klanggespinst“ die gemeinsame CD „Zankapfel“ veröffentlicht haben.

 

Cesair

Im Gegensatz dazu waren Cesair in diesem Jahr zum ersten Mal auf dem Goldberg zu Gast. Wie schon auf dem WGT in Leipzig schafften es die Niederländer mit ihrer energiegeladenen Performance auch das Selber Publikum binnen kurzer Zeit um den Finger zu wickeln. Hoffentlich wird man die sympathische Truppe im nächsten Jahr häufiger hierzulande erleben können. Besuch auf der Bühne bekamen Cesair übrigens von ihren Landsleuten von Omnia, die nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch ganz speziell in Selb inzwischen zu den festen Größen gehören. Auch im achten Jahr des Festivals schafften es Steve, Jenny & Co die wohl größte Masse an Menschen vor der Schlossbühne zu versammeln. Wie gewohnt präsentierten sie auch diesmal wieder zahlreiche Gäste. Neben Fieke von Cesair an Akkordeon und Drehleier wurde die Show auch optisch-artistisch bereichert, unter anderem von Kelvin Kalvus, Beatrice und Yulya Kholeva aka Ayuna.

 

OmniaIrisch ging es dann auf der Burgbühne weiter. Die Band Kila zählt seit über 25 Jahren zu den heißesten Acts der grünen Insel und auch in Selb begeisterten sie mit ihrer Mischung aus keltischen Traditionals und rockiger Weltmusik die Zuschauer. Ein weiterer Höhepunkt des Celtic Special, auf den das nächste Konzert, wieder oben auf der Schlossbühne allerdings noch einmal einen drauf setzte. Kein geringerer als der galizische Weltstar Carlos Núñez spielte dort mit seiner Band auf und riss das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Ob mit Flöte oder Dudelsack, präsentierte sich der leidenschaftliche Botschafter der keltischen Musik stets virtuos, dabei aber immer auch mit einem Augenzwinkern. Der guten Laune, die da von der Bühne herab versprüht wurde, konnte sich kaum jemand entziehen. Auch die anwesenden Musiker der anderen Bands standen nahezu allesamt neben der Bühne und genossen das Konzert, woraufhin Carlos kurzerhand seinen Geiger nach unten schickte, um die lieben Kollegen samt Festivalchef Bläcky und einigen vom Orga-Team auf die Bühne zum Andro einzuladen. Ein Stimmungs-Höhepunkt der besonderen Art, denn der Reihen-Tanz setzte sich zwischenzeitlich auch durchs Publikum fort. Einmal mehr ganz großes Kino auf dem Goldberg! Den Abschluss des Abends bildete dann die große Session der Spielleute, die auf der Burgbühne noch bis 2 Uhr morgens munter jammten.

 

Den Auftakt am Sonntag auf der großen Bühne machten Irxn, die mit ihrer mittelalterlich-keltisch-niederbayrischen Musikmischung tapfer gegen den trotz mittäglicher Stunde noch etwas übernächtigten Zustand des Publikums ankämpften. Harfen-Einzelkämpfer Jonny Robels, der anschließend auf der Burgbühne auftrat, konnte mit seinen humoristischen Liedern dann schon ein größeres Häufchen an Zuhörern versammeln. Spätestens bei Ganaim, dem Soloprojekt von Pinto von Versengold, war das Mediaval-Volk aber dann aufgewacht und vor der Schlossbühne wurde bei nach wie vor strahlendem Sonnenschein ausgelassen zu den irischen Traditionals des um einen Gitarristen verstärkten Duos getanzt.

 

Wadokyo

Fernöstlich-archaisch ging es dann auf der unteren Bühne weiter. Die Taiko-Trommler von Wadokyo haben seit ihrem Auftritt mit Corvus Corax vor zwei Jahren eine große Fangemeinde auf dem Goldberg und wie schon damals ließen sie es sich auch diesmal nicht nehmen, zusätzlich zu ihrem erneuten Auftritt mit den Berlinern auch wieder ein Solo-Konzert zu geben. Der mitreißende Rhythmus der traditionellen japanischen Trommeln und die gute Laune, die die Truppe auf der Bühne an den Tag legt, sorgten einmal mehr für Begeisterung und zuckende Tanzbeine. Keine Frage, dass auch die Performance mit Corvus Corax am Abend zu den Höhepunkten des Tages zählte. Die „Könige der Spielleute“ wurden ihrer Headliner-Rolle wie zu erwarten souverän gerecht und sorgten für einen würdigen Abschluss des diesjährigen Festivals.

 

Der Stimmungs-Höhepunkt am Sonntag wurde allerdings nicht von den altgedienten Kolkraben erreicht, sondern definitiv schon vorher von den Co-Headlinern The Dolmen. Die Engländer, die sich hierzulande durch zahlreiche Auftritte bereits eine ansehnliche Fangemeinde erspielt haben, untermauerten ihren Ruf als absolute Partyband und brachte die Menge vor der Burgbühne wirklich bis in die hintersten Reihen in Bewegung.

 

The Dolmen

 

Vieles gäbe es noch zu sagen über das achte Festival Mediaval, zum Beispiel über das bei jeder Vorstellung von „Mara und der Feuerbringer“ restlos gefüllte Filmzelt. Regisseur Tommy Krappweis zeigte sich aber nicht nur deshalb begeistert: „So ein verflucht geiles Festival hab' ich noch nicht gesehen!“, entfuhr es dem Medienprofi.

Vieles hat man, ob des schieren Überangebots, leider auch schlicht und einfach verpasst, wie in unserem Fall den Spielmann-Award, die Auftritte von The Celtic Gobshites, Carpe Noctem, Ignis Fatuu oder WirrWahr, die große Wikinger-Piratenschlacht, die Workshops und die zahlreichen Kleinkünstler auf dem Markt oder der Theaterbühne. Und im nächsten Jahr wird das Ganze noch unübersichtlicher, denn schon wieder steht eine Neuerung ins Haus: Zusätzlich zu all den vorhandenen Attraktionen kommt noch ein waschechtes Ritterturnier in einer eigenen Arena neben dem Festivalgelände dazu. Da möchte mancher sich wohl gern klonen, pardon, einen alchemistischen Verdoppelungszauber anwenden natürlich, um alles sehen zu können. Doch selbst wenn man nur einen kleinen Ausschnitt erleben kann, ist es dieser wert, auch 2016 auf den Goldberg zu Selb zu pilgern. Neben dem Balkan-Special mit unter anderen den Violons Barbares, Dikanda, Irfan und BerlinskiBeat locken im nächsten Jahr Bands wie L.E.A.F., Faey, Fiddler's Green, Heimataerde, Estampie und vor allem die große Qntal-Acoustic-Jubiläumsshow mit hochkarätigen Gastmusikern.

 

 

Hier findet Ihr ein paar Impressionen vom diesjährigen Festival Mediaval:

 

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