Kloster Lorsch

Gesichter und Geschichten

Die Benediktinerabtei in Lorsch im südhessischen Kreis Bergstraße wurde 764 gegründet und gehörte bis ins Hochmittelalter zu den einflussreichsten Macht- und Kulturzentren. Das Kloster Lorsch hinterließ uns so wichtige Zeignisse wie den Lorscher Codex, den Lorscher Bienensegen oder auch das Lorscher Evengeliar und ist seit 1991 Weltkulturerbe der UNESCO. Jetzt werden jedoch im wahrsten Sinne des Wortes die dortigen Leichen im Keller ausgegraben und erforscht.

 

In den vergangenen Jahrzehnten wurden bei Grabungen im Kloster Lorsch weit über einhundert Bestattungen zu Tage gefördert. Dabei handelt es sich nicht nur um die letzten Ruhestätten von Mönchen, sondern auch um Gräber innerhalb der Kirche und rund um die karolingische Königshalle. In Kooperation mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH und den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim soll in den kommenden Jahren das gesicherte menschliche Knochenmaterial erstmals einer umfassenden wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen werden. Der Projektleiter von Seiten der Welterbestätte Claus Kropp sieht darin eine historische Chance für die Erforschung des Klosters Lorsch. "Wenn bisher der Schwerpunkt klar der Erforschung der Bauskulptur und erhaltenen Bausubstanz galt, so kann mit dem neuen Forschungsprojekt erstmals auch den Bestattungen und der Bestattungskultur angemessene Aufmerksamkeit gewidmet werden." Im Fokus der Untersuchungen durch den Anthropologen Dr. Jörg Orschiedt vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim stehen Fragen nach dem Leben und Sterben der einzelnen Personen. Neben der Bestimmung des Alters und krankhafter Skelettveränderungen sollen die Untersuchungen auch Aufschluss über die Ernährung und das Aussehen, wie Augen- und Haarfarbe geben. Im Mittelpunkt steht dabei die lebensechte Gesichtsrekonstruktion mindestens eines Lorscher Mönches. Bereits für das Frühjahr 2017 ist eine erste museale Präsentation der Forschungsergebnisse an der Welterbestätte geplant.

 

Experimentalarchaeologisches-Freilichtlabor-Lauresham©Stadt LorschVor zwei Jahren wurde in unmittelbarer Nachbarschaft zur Welterbestätte das Freilichtlabor Lauresham eröffnet. Hier entstand in detektivischer Detailarbeit ein karolingischer Herrenhof, wie er um 800 n. Chr. wohl ausgesehen hat. Auf einer Fläche von 4,1 Hektar finden sich Wirtschafts- Wohn- und Stallbauten sowie Wiesen, Weiden, Gärten und Ackerflächen. Drinnen wird fleißig experimentiert, während draußen David und Darius, zwei Vertreter der alten und fast ausgestorbenen Rinderrasse namens Rätisches Grauvieh, auf dem Acker arbeiten. Im Moment wird gerade wieder ein neues Haus erichtet. Wie auch die anderen Bauten, wird es ausschließlich mit den in der damaligen Zeit zur Verfügung stehenden Mitteln gebaut. Claus Kropp versichert, dass die Auswahl der Pflanzen im Gemüsegarten der Krongüterverordnung Karls des Großen folgt. Die "Capitulare de villis" gilt als die erste Land- und Wirtschaftsordnung des Mittelalters. Mit dem Freilichtlabor könne es gelingen, so Kropp, auf einfache und spielerische Weise zu zeigen, dass das Mittelalter keineswegs so finster war, wie oft behauptet wird. David und Darius interessiert das alles nicht, sie grasen vor sich hin, wie es ihre Artgenossen schon vor mehr als tausend Jahren getan haben.

 

[Doris Schweitzer M.A.]

 

Infos:

UNESCO-Welterbe Kloster Lorsch

Nibelungenstraße 32

64653 Lorsch


Öffnungszeiten Welterbe: Dienstag – Sonntag 10-17 Uhr

Öffnungszeiten Freilichtlabor LaureshamLauresham ist nur im Rahmen von Führungen von Dienstag bis Sonntag um 11, 13, 15 und 17 Uhr zugänglich. Samstags und sonntags finden die Führungen stündlich statt. In den Wintermonaten bleibt das Freilichtlabor geschlossen.

 

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